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Buch Noch immer ist der Erklärungsbedarf groß, wenn es darum geht, die Mauer in den Köpfen der Deutschen zu verstehen. Mit der Erzählung "Spreu und Weizen" von Frank Ewald lässt es sich nun an einem Leben in der DDR teilnehmen, das zeigt, warum die Ostdeutschen sind, wie sie sind. Dabei wird das Leben in der DDR nicht vorgeführt, parodiert oder irgendwie erklärt. Das braucht sie auch nicht. Denn die einfühlsame Erzählweise macht es möglich, sich selbst in die Lage des Protagonisten Max Steinert zu versetzen. Das ist eine andere Art des Erlebens, so, als wäre man um Jahre zurückversetzt worden und die Erinnerung würde lebendig. Die Erinnerung an eine Zeit, die jeder nachvollziehen kann, denn Max sieht die Welt noch aus den Augen eines Kindes. Erst als er seine Heimatstadt verlässt, um an einer
Landwirtschaftsschule sein Abitur zu machen, gerät er in das Mühlenrad der
Staatsmacht, aus dem es kein Entkommen gibt. Ob in der Schule, im Betrieb
oder im Wohnheim - überall stößt er an Grenzen, die sich nur überwinden
lassen, wenn er für sich die Entscheidung zwischen Mitläufer und Opponent
getroffen hat. Gut ist, daß Max in diesem Spannungsfeld nicht zum Helden
hochsterilisiert wird. Manchmal läuft er zustimmend hinterher oder sieht
weg. Und manchmal prallt er gegen die Starrheit der ergrauten Betonköpfe,
auf daß er einem Märtyrer gleicht. Doch egal, wie es auch ausgeht, immer
wieder kehrt er in die Oase seiner Kindheit zurück, dem "Großen Moritz",
einem auf einer Wiese liegenden Findling, der ihm neue Kraft gibt und der
Platz für seine Träume ist, in denen sich alles um die Liebe zu seiner Mitschülerin
Helena dreht. Doch die stillen Momente dauern nur kurz. Schon
ist da der Ärger mit den Parteigenossen, die vom Papier her die Ernte befehlen, obwohl das Korn noch
nicht reif ist. Auf einer wehrpolitischen
Werbeveranstaltung gerät er unter die Stiefel der Offiziersgewalt, weil er
laut die Reisefreiheit für alle einfordert und als Gruppenführer beim Wehrsporttag seiner Schule befreit er eigenmächtig einen
Christen von den
Schießübungen. Schließlich erliegt er dem Irrglauben, sich durch eine
freiwillige Musterung zum dreijährigen Armeedienst dem politischen Druck
entziehen zu können. Doch damit nicht genug. Ewald spannt den Bogen weiter, in
dem er aufzeigt, daß sich das Militär der DDR nicht nur auf die Kasernen
beschränkte. So findet sich Max auch nicht bei einer Panzereinheit wieder,
zu der er gemustert wurde, sondern die Einberufung führt ihn in ein als
Kinderferienlager getarntes Objekt unweit von Berlin. Mitten im Wald, an
einem idyllischen See gelegen, gibt es weder Panzer noch Kanonen, oder irgend etwas sonst, was eine
Armee erkennen
lässt. Statt dem politischen Druck entgangen zu sein, findet sich Max nun in den Fängen des Ministeriums
für Staatsicherheit wieder und sein Leben beginnt eine schizophrene Doppeldeutigkeit, die sich schlimmer nicht ertragen
lässt. Das Ganze entlädt sich in der Kasernen-Hierarchie, der EK-Bewegung, die an Unmenschlichkeit
grenzt. Eine Unmenschlichkeit, die von den Offizieren scheinbar bekämpft
und dennoch gefördert wird, um Druck auszuüben, um die Unterschrift zur
Berufsstasi zu erzwingen. Und den Grund, warum es sich lohnt, diese Dem Leser bleibt dabei stets die Wahl, wie er sich wohl entscheiden würde, befände er sich in der Rolle des Erzählers. So gibt es viele Gründe, dieses Buch zu lesen. Doch der Wichtigste: Es ist hervorragend erzählt.
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